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Meinung


„Naturkapital“ - Was kostet die Welt?

Kommentar von Andreas Becker
In Natur in Berlin, Ausgabe 3/2010, S. 18

Er sorgt mit dem Aufstauen von Gewässern für Überschwemmungen, er fällt Bäume und bedient sich im Sommer ungeniert an den Früchte der Natur. Die Rede ist nicht vom Menschen, sondern vom Biber. Der trägt keinen Deut zum Sozialprodukt bei, bekommt aber mitten in der Krise noch Bibertreppen am Berlin-Friedrichshainer Spreeufer spendiert, bezahlt aus unseren Steuergeldern. Ausgerechnet dort, wo Mediaspree neue Pracht und viele Arbeitsplätze schafft. Dabei ist unerheblich, ob es sich um 40.000, wie einmal verkündet, oder um immerhin 5.000 - etwa für Gebäudereiniger und -sicherer, für Caterer, Küchenhilfen oder Kartenverkäufer, in Kooperation mit dem Jobcenter - handelt. Wozu brauchen wir irgendwelche Biber, die sich nicht einmal medial inszenieren oder als Touristenattraktion verkaufen lassen, wenn es um Steuergelder und um Arbeitsplätze geht?


Es geht um Wirtschaft, um Geld, um Naturkapital. Die Argumente gegen den Biber, vorgetragen Anfang Dezember 2009 von der Abendschau des gebührenfinanzierten RBB-Fernsehens, demonstrieren, dass der Schutz der Biodiversität, wenn überhaupt, dann ein untergeordnetes gesellschaftliches Ziel ist. Der Maßstab des menschlichen Handeln ist heutzutage - nach der Kirche im Mittelalter und der Vernunft im Zeitalter der Aufklärung - die Wirtschaft. Auch die Natur, seit der Aufklärung gemäß der angelsächsischen Philosophie John Lockes dazu bestimmt, dem Menschen seine Existenz angenehm zu gestalten, hat sich dem Primat der Ökonomie unterzuordnen. Die Beherrschung der Natur hat sich fest in unser Bewusstsein eingebrannt.

Das Recht auf Umweltzerstörung

Ein Meilenstein in der Ökonomisierung der Natur war im Jahr 1997 die Ratifizierung des Kyoto-Zusatzprotokolls zum Handel von Emissionsrechten. Damit kann gegen die Zahlung einer Gebühr das Recht gekauft werden, die Umwelt zu schädigen. Wer über die entsprechende Finanzkraft verfügt - etwa dadurch, dass er aus seinem wirtschaftlichen Handeln genügend Gewinn erzielt -, kann einen Anspruch darauf erwerben, umweltschädigende Emissionen zu produzieren.

Mit anderen Worten: Aus dem Gewinnstreben wird eine Tugend des Umweltschutzes. „Rechte“ sind etwas Positives - das Negative, das mit Umweltverschmutzung assoziiert werden könnte, verliert seinen üblen Beigeschmack. Seither werden nur noch diejenigen stigmatisiert, die illegal - ohne Emissionsrechte - Wälder abbrennen. Nach Beweggründen wird nicht gefragt. Mit dem umweltökonomischen Instrument der Emissionsrechte wurde zugleich - das aber nur als Randnotiz - eine neue moralische und umweltethische Gerechtigkeitslogik geschaffen.

Ökosystemare Dienstleistungen

Die Natur liefert den Menschen eine Vielzahl von Gütern und Leistungen, die das Fundament menschlichen Wohlergehens darstellen“, so das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU). Um den kommerziellen Wert „ökosystemarer Dienstleistungen“ zu kalkulieren, um die ökonomischen Folgen der Schädigung von Ökosystemen und den Preis des Nicht-Handelns taxieren zu können, initiierte die EU-Kommission unter der Federführung Deutschlands die Studie „The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB)“, geleitet von Pavan Sukhdev, dem für die Studie freigestellten Generaldirektor und Leiter der Abteilung „Globale Märkte“ der Deutschen Bank AG in London.

Warum die globalen Märkte der Ökosystemdienstleistungen berechnen?

Der Output wird ein Kosten-Nutzen-Kalkül sein, darauf läuft alles hinaus. 4,4 bis 5,2 Billionen US-Dollar an Ökosystemdienstleistungen erwirtschaften allein die ca. 100.000 Schutzgebiete weltweit, mehr als Automobilsektor, Stahlsektor und IT-Dienstleistungssektor zusammen. Die Produktion der Natur aufrecht zu erhalten, kostet jährlich zwischen 40 und 45 Milliarden US-Dollar. Was wäre, wenn es finanziell nicht lukrativ wäre, die Schutzgebiete zu retten?

Das ist das Gefährliche an umweltökonomischen Instrumenten: Die Natur erhält ihren Wert erst dadurch, dass sie den Menschen dient. Wirtschaftswissenschaftler wenden ein, dass hohe moralische und ethische Ansprüche nicht weiterhelfen: Damit könnten wir Menschen vielleicht unsere eigenen Seelen retten, nicht aber die Natur vor ihrer Zerstörung durch uns selbst. Aus der ökonomischen Argumentation heraus ist das Ärgernis nicht, jeder Pflanze und jedem Tier einen Preis anzuheften, sondern vielmehr, wenn das finanzielle Äquivalent für den Reichtum der Natur zu niedrig oder bei Null angesetzt wird.

Die Krux mit der Wissenschaft

Leider kann keine Wissenschaft einem limitierten Wesen, wie dem Menschen, endgültige Beweise liefern. Wir hängen Vorstellungen nach, bis eine neue Idee kommt, an die wir uns klammern können und auf die wir dann alles setzen. Wir beobachten und untersuchen, messen und sammeln Ergebnisse. Doch wo ist der Beweis, dass wir es wirklich sind, die den Reichtum der Erde vernichten? Sollen wir aufgrund von Hypothesen auf Biosprit, Genmais, Fliegerei, Hähnchenschreddern, Rindersteaks und all die anderen Dinge verzichten, die das Leben so angenehm machen? Zum Glück gibt es die Ökonomie, den Maßstab des menschlichen Handelns. Auch die Wirtschaftswissenschaften irren ständig, aber wir sind lernfähig - im Fall der TEEB-Studie, dass der Artenschutz uns wirtschaftliche Vorteile einbringt.

Wo bleibt die Moral?

Das menschliche Weltbild berücksichtigt nicht, dass die Natur einen Eigenwert hat. Das Recht auf Leben ökonomisch zu bestimmen, ist abgrundtief unmoralisch, genauso wie der Handel mit Verschmutzungsrechten. Gerade der homo sapiens, die Art, welche die Erde am wenigsten braucht, leitet die Existenzberechtigung anderer Arten daraus ab, welchen Nutzen sie für ihn darstellen.

Die Menschen stellen sich selbst eine Lizenz zum Töten aus - wenn eine Lebensform unseren Arbeitsplätzen im Weg steht oder weniger erwirtschaftet, als sie an Ökosystemdiensleistungen für uns erbringt. Kommt es uns morgen teuer, eine Art zu vernichten, investieren wir heute aus geschäftlichem Eigennutz in den Umweltschutz. Bei der Berechnung des Naturkapitals geht es nicht darum, eine neue Umweltethik zu entwickeln oder gar das eigene Verhalten zu ändern. Es geht um die Kultivierung einer ökonomischen Effizienzethik - im Namen von geschäftlichem Eigennutz als Tugend des Umweltschutzes.

Ist Naturkapital demokratisch?

Unternehmen wollen aus ihren wirtschaftlichen Entscheidungen einen optimalen Nutzen bei möglichst geringen Kosten erzielen. Daher können externe Effekte auf Umwelt und Gesellschaft für sie - wenn überhaupt - nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Anwendung von umweltökonomischen Instrumenten dient bei privatwirtschaftlichen Überlegungen als Entscheidungshilfe. Die Basis des Handelns bleibt das Kosten-Nutzen-Kalkül.

Bei Gesetzgebungen geht es dagegen nicht um das Setzen ökonomischer Anreize. Vielmehr wird beabsichtigt, über Verbote und Einschränkungen Verhaltensänderungen zu erreichen. Im Gegensatz zu Gesetzen, die in einem demokratischen Prozess entwickelt werden, sollen umweltökonomische Instrumente finanzielle Anreize bilden, freiwillig Maßnahmen zum Schutz der Umwelt zu ergreifen. Die Handlung liegt im Ermessen des Verursachers.

Das TINA-Prinzip: „There is no alternative“

Mit umweltökonomischen Instrumenten brauchen wir uns keine Gedanken über eine neue Umweltethik zu machen. Die Politik wird ausgebremst. Eine politische Debatte, ein Umdenken, strengere Regulierung oder gar ein grundlegender umweltpolitischer Wandel sind nicht notwendig. Denn das Gewinnmotiv bleibt geschützt, die Regeln des freien Marktes und das Versprechen der Arbeitsplatzsicherung bzw. -schaffung bestimmen den Kurs. Also soll eine Argumentation von Ökonomen und Wirtschaftslobbyisten gegen Regulierungen und neue Gesetze - aber pro umweltökonomische Instrumente - nicht verwundern.

Die Mär vom Markt als optimalem Lenker

Verfügt der freie Markt über die generelle Problemlösungskompetenz in der Umweltpolitik? Ist der Markt in moralischer Hinsicht der angemessene Lenker von Gütern? Im allerbesten Fall führt die Kommerzialisierung von Umwelt und Natur nur dazu, dass umweltschädigendes Verhalten teurer und umweltfreundliches Verhalten profitabler wird. Doch damit verfehlen umweltökonomische Instrumente die Ziele zum Schutz der Biodiversität! Wie Ulrike Fokken schon 2008 urteilte, droht die Ökonomisierung der Natur den Verlust der Arten zu beschleunigen. Sie gibt den Spekulanten Instrumente an die Hand, mit Arten, ihren Lebensräumen und deren Verlust zu planen. Denn natürlich sind für die Wirtschaft Gewinne, Umsätze und Dividenden wichtiger als der Bestand von Arten. Das ist schließlich ihr Zweck.

Die Ökonomisierung der Natur führt dazu, den Erhalt der Arten gezielten Kosten-Nutzen-Kalkülen zu unterziehen, die Vernichtung von Natur und Umwelt wirtschaftlich kompensierbar zu machen. Der Rest an Umwelt wird marktmäßig verteilt. Der Transfer von Natur in Ökosystemdienstleistungen ist kein Garant für die Einsicht der Menschen. Möglicherweise verschärft er den Missbrauch und damit die Entfremdung von der Natur.